Es ist das Jahr 2015 und ich bin im kalten Berlin auf dem Weg, eine junge Frau zu treffen, die man immer öfter in der Werbung sieht. Julia ist krank, doch hat sich trotzdem Zeit genommen für unser Gespräch und ein großes Frühstück im Café nebenan. So ein Gesicht fällt einem auf und ich werde nun erfahren, wer die Person hinter diesem schönen Lächeln ist.

 

 

Meine Liebe, erzähl mir doch wer du bist, woher du kommst und was du in deinem Leben so tust?

Mein Name ist Julia Dalia, ich bin 25 Jahre alt und Model & Bloggerin. Ich komme ursprünglich aus Düsseldorf und bin seit knapp 5 Jahren in Berlin, hier habe ich Medien- und Kommunikationsmanagement studiert. Ich habe einen Blog mit meinen Freundinnen Salimata & Albina // musasmusas.com

 

Was hat dich denn nach Berlin verschlagen?

Ich wollte tanzen und wurde hier auch an einer Tanzschule angenommen. Das habe ich ein halbes Jahr lang gemacht. Ich denke jetzt aber, dass es ziemlich naiv von mir war zu glauben, ich könnte Tänzerin werden. Ich glaube durchaus, dass man es mit Disziplin schaffen kann, auch wenn man erst mit 19 Jahren anfängt, aber es war nicht mein Weg. Mein Körper hat nicht mitgespielt, ich hatte durch die Belastung eine chronische Achillessehnenentzündung. Die Tänzerinnen auf der Ballettschule tanzten zum Teil schon seit ihrer Kindheit und der Umgangston war auch nicht der Schönste. Deswegen habe ich die Tanzschule abgebrochen und mich weiter orientiert. Ich brauchte eine neue Aufgabe und bin dann, Gott sei Dank, in den Studiengang meiner Wahl hineingerutscht.

 

 

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Woher kommen deine Eltern?

Mein Papa kommt aus Ghana und meine Mutter ist Deutsche.

 

Warum ist dein Vater nach Deutschland gekommen?

Um zu studieren. Er ist der Sohn, auf den mein Opa große Hoffnung gesetzt hat. Mein Opa hatte 3 Frauen und dementsprechend viele Kinder und Enkel. Mein Vater war immer sehr ehrgeizig, hatte top Noten in der Schule und sich immer total bemüht. Mein Opa sah sein Potential, kratze Geld zusammen und schickte ihn nach Deutschland, wo er dann Ingenieurswesen studiert hat. Dort hat er dann meine Mutter kennengelernt und sie haben uns Kinder bekommen. Ich habe noch 2 Geschwister, einen Bruder (26) und eine Schwester (27).

 

Warst du schonmal in deinem Vaterland?

Ja, zweimal! Einmal direkt nach dem Abi, weil ich meine Familie und vor allem meine Großeltern kennenlernen wollte. Das war eine sehr eindrucksvolle Erfahrung! Ich bin alleine hingeflogen. Erst hat mein Vater sich große Sorgen gemacht, aber ich habe das einen Monat lang sehr gut gemeistert. Dort habe ich sehr viele Menschen und meine Familie kennengelernt. Das zweite Mal war ich mit meinen Eltern zur Beerdigung meines Opa‘s dort.

 

Wo genau warst du?

Nsawam in der Nähe von Accra, ca. 45 min entfernt.

 

Ist dein Vater in Deutschland geblieben?

Ja, er ist die ganze Zeit hier! Klar fliegt er ab und an rüber, aber den Großteil des Jahres verbringt er in Deutschland. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Würdest du sagen du hattest einen großen Einfluss durch deine ghanaische Seite?

Nein leider nicht so groß, wenn dann der Humor und das Essen. Aber leider hat mein Vater nicht Twi mit uns gesprochen. Und als ich dann in Ghana war, hat man mir manchmal den Vorwurf gemacht, dass ich es nicht kann. Das finde ich schade! Ich hätte gerne mehr ghanaische Kultur mitbekommen, auf jeden Fall! Ich habe mir vor kurzem mehrere Twi Learning apps runtergeladen und probiere jetzt wenigstens die basics auf eigene Faust. Man kann ja nicht immer die Verantwortung bei den anderen suchen.

 

Gibt es einen Grund dafür, warum dein Vater, dass nicht wirklich ausgelebt hat mit euch?

Ich weiss es nicht! Vielleicht war er zu sehr beschäftigt mit dem Studium und der Arbeit? Mein Vater hatte immer im Hinterkopf, dass er noch Familie in Afrika versorgen musste – das ist eine große Verantwortung. Er ist sehr ehrgeizig und für ihn stand Disziplin und nach vorne kommen, immer sehr im Vordergrund. Er hat auch Häuser in Ghana bauen lassen für die Familie. Ich habe mal so einen Spruch gehört, dass Eltern aus Entwicklungsländern ihre Kinder rausschicken wie Löwen und hoffen, dass sie überleben, so hat mein Vater es auch gemacht. Wir wurden nicht verwöhnt, aber haben immer gerade genau das bekommen, was wir brauchten. Und von seinen Eltern wünscht man sich ja auch manchmal verwöhnt zu werden. Das hat meine Mum dann übernommen.

 

Welches Gefühl hat dir die Reise nach Ghana gebracht? Hast du dadurch etwas dazu gewonnen?

Ich hatte das Gefühl, dass ich meinen Vater dadurch viel besser verstehen konnte. Vorher war der Gedankengang eher immer, okay, dort ist eine Familie und diese Familie möchte Unterstützung von meinem Vater. Das ist das Einzige, was du am Anfang mitbekommst. Wenn du dann aber dort bist, hat diese Familie auf einmal ein Gesicht. Dadurch konnte ich den Druck unter dem mein Vater stand und seine Denk- und Sprechweise viel besser verstehen. Der Schlüssel zu einer Kultur ist immer die Sprache und ich habe mich endlich etwas mehr in die Sprache hineingefühlt und dadurch konnte ich ihn einfach besser verstehen. Und natürlich war es toll, dass ich meine Familie kennenlernen konnte. Das Coole war, dass ich die Erste war und die Jahre danach erst meine Geschwister nachkamen. Meine Familie in Ghana war mir so dankbar, dass ich den ersten Schritt gemacht habe, denn ich weiß nicht ob meine Geschwister sonst so schnell dorthin gereist wären. Mein Opa verstarb während des Aufenthalts meines Bruders. Als ob er gewartet hätte bis wir alle drei da waren und dann war es vorbei – er wurde 115 Jahre alt.

 

Wow!

 

Ich bin dort ein anderer Mensch… habe ich das Gefühl. Das ändert sich leider immer sehr schnell wieder, wenn man zurück nach Deutschland kommt. Es ist einfach ein anderes Leben dort. Es ist viel einfacher… Klar, die Menschen haben dort weniger, aber ich habe das Gefühl, dass sie viel glücklicher sind. Und hier wird immer gesagt: die armen Menschen in den Entwicklungsländern, denen gehts dort so schlecht usw. Aber meines Empfindens nach, lachen meine Cousinen in Ghana mehr, als meine Freundinnen hier. Es ist westliche Arroganz zu behaupten, dass es uns viel besser geht, nur weil wir gefließte Badezimmer haben.

 

Du bist also eher mit der deutschen Kultur aufgewachsen – bist du Deutsche?

Auf meinem Pass ja, aber ich sehe mich immer als Weltenbürger. Man kann überall zu Hause sein, solange man Frieden im Herzen trägt. Zu Hause ist da, wo die Menschen sind, die man liebt. Ich finde dieses Wort „Ausländer“ auch immer so bescheuert! Wir sind ja alle irgendwo „Ausländer“, außer in dem Land in dem man geboren wurde, deswegen ist dieses Wort total unsinnig.

 

 

 

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Was bedeutet denn Deutschsein für dich?

– ein kurzes Lachen erklingt –

Ich sage es mal so… Ich bin dankbar Deutsche zu sein, da damit sehr viele Vorteile einhergehen z. B. das Sozialsystem, Krankenkassen, Bildung, dass man hier nicht auf der Straße leben muss usw. Oder auch, dass, wenn man im Ausland nach einem Job sucht oft bevorzugt wird, da Deutschsein immer mit vielen positiven Eigenschaften verbunden wird. Aber im Grunde ist das Schubladendenken und davon versuche ich mich immer frei zu machen. Aber ich bin Gott sehr dankbar, dass ich hier geboren wurde und diese Vorteile genießen darf.

 

Also verbindest du Deutschsein mit Eigenschaften?

– kurze Stille –

Ich finde diese Frage echt schwierig! Vielleicht eher mit einem Ort … Aber es darf einfach nicht so wichtig sein, woher du kommst, sondern, wer du bist und wohin du gehst. Jeder Mensch, egal woher er kommt, sollte einfach eine Message haben und Liebe im Herzen tragen, der Rest ist unwichtig.

 

Wie hast du deine Jugend erlebt, gibt es da Erlebnisse, die für dich herausstechen aufgrund deiner Herkunft?

Ich habe in Düsseldorf, während meiner Jugend schon einige Selbstzweifel entwickelt, bezüglich meines Aussehens bzw. meines Körpers. Ich war auf einer Schule, auf der fast nur kaukasische Mädchen waren und ich war nie gefragt bei den Jungs. Das ist einem ja irgendwie schon wichtig als Teenager. Mir wurde beispielsweise damals von den Jungs im Sportunterricht gesagt, dass ich fette Beine habe oder einen dicken Hintern (ich hatte zwar mehr drauf als jetzt, aber ich war nicht dick) und das habe ich so angenommen und geglaubt. Auch meine Sommersprossen fand früher natürlich niemand schön. Dadurch habe ich gemerkt, dass ich anscheinend anders bin. Der Typ, der früher die gemeinsten Kommentare parat hatte, fing an mir vor ein paar Monaten auf Instagram zu folgen und liked nun meine Bilder. Was meinst du, was das für ein Gefühl war ? Jetzt hat er mich in der Werbung gesehen, jetzt supportet er mich ? Wenn er wüsste, wie weh er mir getan hat in meiner Jugend. Ich weiss gar nicht, ob ihm das eigentlich bewusst ist … Wie dem auch sei, habe ich mir mit 18 Jahren komplett meine Haare abrasiert und sie blond gefärbt, weil ich einen drastischen Cut brauchte. Ich habe mich frei gemacht von dem Schubladendenken und akzeptiert und umarmt, dass ich anders bin und das wollte ich dann auch sein. Viele um mich herum fanden das ganz schlimm. Meine Mum (always No.1 Supporter, fand das super mit den Haaren) hat damals etwas zu mir gesagt, was ich nie vergessen werde: „Wer Dich in deiner Entwicklung liebt, der liebt Dich wirklich!“ Sie hat gemerkt, dass das damals super wichtig für mich war, ich brauchte das. Es war ein Ausdruck von dem, was in mir abging. Ich glaube Haare tragen sehr viel Kraft und haben Energie und Menschen deren Haare ungepflegt sind, haben auch oft einen unaufgeräumten Geist. Heute liebe ich mich selbst und bin sehr glücklich mit mir und meinem Leben.

 

Du modelst – hat sich das erst nach deinem Umzug nach Berlin ergeben?

Ich habe mit 16 ein Shooting gehabt, dass ich eigentlich nur aus Spaß gemacht habe. Der Künstler, der mich damals fotografiert hatte, hat meine Bilder an eine Modelagentur in Düsseldorf geschickt und mich gefragt, ob ich darauf Lust hätte. Ich habe damals nicht wirklich geglaubt, dass ich modeln kann und dann wurde ich eingeladen. So fing das Ganze dann an. Ich habe bei ihnen ein paar Jobs gemacht und als ich dann nach Berlin gezogen bin, hat mir eine Freundin von eine weitere Agentur empfohlen. Dort habe ich mich dann beworben und sie haben sich direkt gemeldet. Ich bin jetzt natürlich auch nicht das typische Model, laufe nicht auf dem Laufsteg oder bin super skinny… Ich mache eher viele Commercial Sachen, Lookbookshootings oder Werbung. Für die Fashionweek bzw. den Laufsteg bin ich zu curvy.

 

Spielen deine Wurzeln da eine Rolle?

Ja! Ich glaube generell wird man in Deutschland zu weniger Castings eingeladen, wenn man dunkelhäutig ist oder man hat einfach weniger Chancen auf Jobs. Mir wurde z. B. sehr oft gesagt: „Geh doch mal nach London, such dir da eine Agentur oder in Amerika!“, weil der Markt für Dunkelhäutige dort viel größer ist. Ich habe in Deutschland oft das Gefühl, dass ich hier der “Quotenafro” bin. Meistens wird der Afro ausgekämmt und es geht sehr oft um das Bild, von dem strahlenden Afromädchen, das immer gute Laune verbreitet. Was ja auch nicht schlimm ist, aber das ist in Deutschland einfach so ein Stereotyp, den man gerne sieht. Aber für große Kampagnen und Firmen siehst du in Deutschland meist kein schwarzes oder halbschwarzes Mädchen.

 

Ärgert dich das?

Nicht wirklich… Wir leben nunmal in Deutschland und es gebt hier eben im Verhältnis mehr hellhäutige Menschen. Die Marketingler haben da ja auch ihre Vorgaben. Insgesamt glaube ich aber, dass die Bevölkerung in Deutschland immer diverser wird und demnach auch in den Medien mehr Diversität zugelassen wird. Ich bin eher dankbar und sehe es als Segen, dass ich es überhaupt machen kann. Ich versuche da nicht das Negative zu sehen. Es kann immer mehr und besser sein, aber das menschliche Herz ist gierig. Deswegen sollte man auch einfach mal dankbar dafür sein, was Gott einem schenkt, was man hat und nicht immer mehr wollen.

 

Gott scheint bei dir eine größere Rolle zu spielen, denn sein Name ist bei dir nun schon öfter gefallen.
Bist du gläubig aufgewachsen?

Ja, meine Eltern haben sich in der Kirche kennengelernt! Wir sind früher jeden Sonntag gemeinsam in die Kirche gegangen. Es gab zwei verschiedene Kirchen, die wir im Wechsel besucht haben, eine deutsche und eine afrikanische. Das war wirklich schön! Der Glaube, den will ich wirklich nicht missen. Auch in einer Stadt, wie Berlin, ist es gut Glauben, Identität und Werte zu haben, weil die Versuchungen dieser Stadt sehr groß sind.

 

Sprechen wir doch noch über euren Blog!
Was findet man dort und was kann man in der Zukunft noch erwarten?

Berlin ist sehr inspirierend, deswegen haben wir uns überlegt eine Plattform zu bilden, auf der wir unsere ganze Inspiration teilen können. Man findet darauf außer Outfits von uns dreien, Events und neue Marken/Kollektion, die wir vorstellen. Wir haben im September (2014) angefangen und es läuft gut. Es ist ein work in progress und das Schöne an dem Blog ist , dass oft viel mehr zurück kommt als man erwartet.

 

Zum Schluss noch eine kurze, aber bedeutende Frage – wer bist du?

Ich bin Julia Dalia, Daughter of the King, Kind Gottes. Ein Freund hat mich auch mal gefragt: „Siehst du dich als Schwarze oder Weiße?“, aber ich weiss nicht, was das für eine Frage ist… Ich sehe mich als Mensch, Seele, die in einem Körper wohnt. Wenn wir alle nicht mit den Augen sehen würden, sondern mit der Seele dann wäre es doch egal, wie wir aussehen. Wir sind doch mehr als das, was man sehen kann!

 

 

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Danke für deine ehrlichen Worte Juli!

Mehr von Julia findet ihr auf:
instagram / facebook / musasmusas

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