Ich bin immer auf der Suche nach Frauen, die durch bestimmte Aspekte aus der Masse rausstechen. Natürlich tun wir das alle, aufgrund unserer Herkunft und der Mehrheitsgesellschaft in der wir uns befinden, aber als ich mitbekommen habe, dass es ein Magazin in Deutschland gibt, hinter dem eine Chefredakteurin steckt, die eine Woman of Color ist, wollte ich natürlich direkt wissen, wer diese Frau ist und welche Geschichte sie in sich trägt.

 

ANNA, 36, NIGERIA + DEUTSCHLAND, MITGRÜNDERIN VON HEARTXWORK,
EHEM. CHEFRADAKTEURIN BLONDE MAGAZINE

 

 

Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin bei meiner Mutter in Deutschland aufgewachsen. Mein Vater ist vor meiner Geburt wieder zurück nach Nigeria gegangen. Wir haben in einem 1500 Einwohner Dorf gewohnt. Niemand sah aus wie ich. Ich hatte Probleme mich mit dem Ort und mit meiner Familie zu identifizieren. Als Kind und Jugendliche war ich viel damit beschäftigt mich mit meinem Umfeld zu vergleichen und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht wie alle anderen aussah. Immer auffiel. Ich wurde in den Mittelpunkt gedrängt, einfach so, weil ich existierte. Ich habe bis heute Probleme mit zu viel Aufmerksamkeit, mit Rampenlicht, mit All-eyes-on-me. Direkt nach meinem Abitur bin ich weggezogen. Ich musste in die Großstadt, wo ich in der Menge untergehen konnte, wo ich nicht die einzige Person war, die „anders“ aussieht. Ich denke aus demselben Grund wollte ich nach meinem Studium über Mode- und Lifestyle schreiben. Auch wenn diese Branche zurecht kritisiert wird und sich auch in Sachen Diversity strukturell noch einiges verbessern muss, spürt und sieht man eine gewisse Offenheit gegenüber Minderheiten. Vor allem in den Independent- und Underground-Publikationen.

 

Wie kamst du dann dazu bei einem Magazin zu arbeiten?

Ich habe mit 12 Jahren angefangen Magazine zu lesen und habe mich zu einem Popkultur-Nerd entwickelt. Für mich war klar, dass ich später in einer Redaktion arbeiten möchte. Ich habe aber erstmal studiert – Soziologie, Geschichte und Germanistik. Das Studium war gut, um zu lernen wie man seinen inneren Schweinehund bekämpft, wie man eigenverantwortlich arbeitet und wie man an komplexe Themen herangeht. Danach wollte ich allerdings wieder raus aus der Bibliothek. Ich habe mich nach meinem Abschluss auf einen Praktikumsplatz bei Blonde beworben und wurde genommen. Aufgrund einiger Zufälle habe ich zwei Jahre später, zusammen mit Turid Reinicke, die Chefredaktion übernommen. Das ging schnell, vielleicht etwas zu schnell. Es hat dann etwas gedauert bis ich reingewachsen bin und eine Vision vor Augen hatte.

 

Welche Wichtigkeit hatte das Thema Diversity zu dieser Zeit?

Wir hatten zu wenig Budget, um ständig Models einfliegen zu lassen. Die Models die on stay waren, vor allem in Hamburg, waren meist blond und sehr dünn. Diversity war damals kein Thema. Für mich hat sich der Spielraum erst erweitert, als ich Instagram als Casting-Himmel für mich entdeckt hatte. Das war ca. 2015. Bis heute meine Nummer 1 Quelle für unterschiedliche Gesichter und Körper. Aber es gibt mittlerweile auch Modelagenturen, die sehr darauf achten, eine Vielfalt an Typen in ihre Kartei mit aufzunehmen. Zur selben Zeit verfestigte sich auch meine Vision für Blonde. Dort haben wir uns dann zum Ziel gesetzt das Medium zu nutzen um junge Frauen zu stärken und eine Vielfalt an Vorbildern zu zeigen.

 

Gab es Unterschiede bei den Vorstellungen, die du durchsetzen wolltest im Vergleich zu deinen weißen KollegInnen?

Wenn man in Deutschland aufwächst, weiß ist und von Anfang an reinpasst, nicht betroffen ist, braucht es sehr viel mehr, um sich Gedanken darüber zu machen, was falsch läuft und wie es verändert werden könnte. Wenn man ständig daran erinnert wird, dass man „anders“ ist und sich mit dem Herkunftsland der Eltern beschäftigt und Ungerechtigkeiten erfahren hat, bekommt man die andere Sicht praktisch schon in die Wiege gelegt. Wenn man zu der Mehrheitsgesellschaft gehört, konnte man sich ja immer mit den Menschen in den Zeitschriften, Filmen etcpp. identifizieren. Aber genau die Diskrepanz führt zu konstruktiven Diskussionen in einer Redaktion. Daher bin ich der Meinung, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Redaktionen arbeiten sollten. Momentan hat jeder fünfte Einwohner in Deutschland Migrationshintergrund, in den Redaktionen ist es nur jeder 50. (Zapp, 8/2/2017)

 

Arbeitest du heute noch für Blonde?

Ich habe das Magazin vor zwei Jahren verlassen, weil ich mich aus verschiedensten Gründen dort nicht mehr wohlgefühlt habe. Meine Vision hat sich immer mehr von der Mode entfernt und Blonde war nicht mehr das richtige Medium um sie umzusetzen. Daher habe ich mit Joanna C. Schröder, die früher, die Online-Redaktion bei Blonde geleitet hat, Heart Work (heartxwork.com) gegründet, eine Plattform, die in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund überrepräsentiert. Aber ich arbeite auch hin und wieder als Autorin, Sylistin, Creative Director kurz: Content Creator. Unter anderem für Blonde.

 

Du bist nur mit deiner Mutter aufgewachsen, hast du deinen Vater denn jemals kennenlernen können
bzw. war das wichtig für dich als du ein junges Mädchen warst?

Ich war 2018 das erste Mal in Nigeria. Früher haben mich immer alle gefragt, ob ich meinen Vater nicht kennenlernen möchte und darauf habe ich immer geantwortet, dass es mir egal ist. Und ich glaube, es war mir auch lange Zeit nicht wichtig. Früher habe ich meinen Vater und seine Herkunft abgelehnt. Er hat oft angerufen oder Briefe geschrieben. Ich habe den Hörer nie in die Hand genommen, nie geantwortet. Mit 13 Jahren dachte ich, wenn er wenigstens aus den USA, New York oder L.A. kommen würde, aber mit Nigeria wollte und konnte ich mich damals nicht identifizieren. Meine ganze Auseinandersetzung mit meiner nigerianischen Seite hat sehr spät angefangen. Bis auf eine Freundin, ab der siebten Klasse und eine weitere in der Uni, hatte ich keine Schwarzen Freunde. Und auch mit ihnen habe ich kaum darüber geredet. Als ich mit Ende 20 mehrere Menschen kennenlernte, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, hat es sich geändert. Erst dann habe ich angefangen, mich mehr mit meinen afrikanischen Wurzeln auseinanderzusetzen und war dann auch überhaupt erst bereit dafür, mich damit zu beschäftigen.

Ich habe mir dann vorgestellt, wie ich mich fühlen würde, wenn mein Vater stirbt bevor ich ihn kennenlerne. Die Vorstellung hat mir nicht gefallen und plötzlich habe ich gemerkt, dass mir immer etwas fehlen wird, wenn ich die Reise nicht mache. Und auch meine Mutter meinte, dass sie mich unbedingt meinem Vater vorstellen möchte, solange sie noch Reisen kann. Denn nur sie kennt uns beide. Wir haben dann alle Vorbereitungen getroffen und sind im Januar 2018 tatsächlich nach Abuja geflogen. Es war auf jeden Fall der richtige Zeitpunkt! Ich war mit mir selbst im Reinen und habe mich so akzeptiert wie ich bin. Früher hatte ich viel mehr Wut in mir, über die Tatsache, dass ich „anders“ aussah. Und diese Wut hat sich auch gegen meinen Vater gerichtet, auch darüber, dass er nicht da war. Ich hatte dann aber endlich Frieden damit geschlossen. Und dadurch hatte ich der Reise das Gefühl, dass mich nichts erschüttern kann und konnte dadurch der Begegnung mit einer gewissen Gelassenheit und mit Freude gegenübertreten.

 

Wie war dann eure erste Begegnung?

Mein Vater kam mit meinen zwei jüngsten Geschwistern. Es war nicht so, dass alle geheult haben wie man es aus den Fernsehsendungen, die Familien zusammenführen, kennt. Da haben immer alle in Strömen geweint, sobald sie sich sahen und das hat mich immer sehr verwirrt, denn sie kannten sich ja vorher nicht. Zum Glück sah das meine Familie genauso. Mein Vater hat gelacht, war fröhlich, hat sich gefreut. Meine Geschwister waren interessiert, haben das Szenario mit Humor genommen. Ich hatte direkt ein vertrautes Gefühl. Wir waren insgesamt zehn Tage in Abuja. Nach einiger Zeit hat mein Vater versucht mir sein Weltbild näher zu bringen, sich in die Vaterolle zu begeben. Er fand es zum Beispiel nicht gut, dass ich ihn nicht mit Dad angesprochen habe. Aber das hat sich für mich noch nicht richtig angefühlt. Und es wurde schnell klar wie wichtig ihm Religion und die Kirche ist. Ich wurde auch in Deutschland religiös erzogen, habe aber mit 14 oder 15 Jahren gemerkt, dass ich nicht daran glaube. Damals musste ich mich lange mit meinen Großeltern und meiner Mutter auseinandersetzen, bis ich endlich sonntags nicht mehr in die Kirche gehen musste. In Nigeria saß ich dann plötzlich wieder in einer Kirche. Mit meinem Vater, der nicht verstehen konnte, wie man nicht an Gott glauben kann. Wir haben aber schnell gemerkt, dass es Themen gibt, in denen unsere Ansichten weit auseinander gehen, dass zwei Welten aufeinander prallen. Ohne darüber zu sprechen, haben wir jedoch beide versucht in der kurzen Zeit, den Themen, in denen wir uns einig sind, Raum zu geben.

 

Hast du jetzt im Nachhinein das Gefühl, dass du einen Teil dazu gewonnen hast durch diese Reise, der dir früher gefehlt hat?

Die Reise hat mir einen interessanten Einblick in das Leben meines Vaters und meinen Geschwistern gegeben. Wenn ich an sie denke, kann ich mir vorstellen wie ihr Alltag aussieht. Es sind keine undefinierbaren Personen an einem undefinierbaren Ort mehr. Sie sind zu echten Menschen, zu meiner Familie geworden. Wir telefonieren jetzt öfter. Mit meinen Geschwistern schreibe ich auf Instagram und Whatsapp. Ich wusste immer, wo ich hin will, dachte immer, dass ich weiß, wer ich bin. Ich habe aber ein sehr wichtiges Detail ausgelassen. Meinen Vater. Ich habe ihn jetzt kennen gelernt. Ich habe das Gefühl, meine Persönlichkeit hat dadurch an Reife gewonnen.

 

War das ein Schutzmechanismus, dass du vorher damit nichts zu tun haben wolltest, oder kannst du fassen,
warum du so gefühlt hast?

Es war Ablehnung. Ich konnte lange Zeit nicht sehen, dass die Auseinandersetzung mit meinem Vater eine Bereicherung für mein Leben sein könnte. Ich dachte früher, wenn ich jetzt mit ihm telefoniere, ändert es auch nichts an der Tatsache, dass ich ohne ihn aufwachse.

 

Da du von deiner afrikanischen Seite also eher weniger mitbekommen hast, würdest du dich als Deutsch bezeichnen?

Ich wollte immer deutsch sein und war auch sehr deutsch. Mittlerweile spüre ich allerdings auch den nigerianischen Teil in mir sehr stark und bin sehr froh beides in mir zu haben.

 

Du würdest dich also heute auch als Afrikanerin bezeichnen?

Ich würde mich als Deutsche mit nigerianischen Wurzeln bezeichnen.

 

Identifizierst du dich denn damit eine Schwarze Frau zu sein?

Ja eher als Schwarze Frau, aber ich habe einen Konflikt mit dem Begriff Schwarz und auch mit Weiß.

 

Weil du das über die Hautfarbe definierst und nicht als politischen Begriff einordnest?

Zum einen ja, weil ich mich in Deutschland eher Schwarz fühle, aber meine Haut sehr hell ist. Daher fühlt es sich per se schon komisch an zu sagen, man wäre Schwarz. Allerdings werden diese Kategorisierungen fremdbestimmt. So fühlt sich das für mich an. Je nachdem in welcher Gesellschaft man lebt und wie sehr man sich von ihr unterscheidet. In Deutschland fühle ich mich eher schwarz, in Nigeria, eher weiß.

 

 

Danke dir, für den kleinen Einblick in deine Welt Anna!

Mehr von Anna auf Instagram und heartxwork nicht zu vergessen!

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